Scheller- Fried- der Katzenschreck

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 Bernd Männel/Christoph Seidel

  

Ältere Bürger unserer Stadt, nach dem Scheller-Fried oder Katzenschreck befragt, erinnern sich schmunzelnd an das Lößnitzer Original. Selbst in der Heimatliteratur fand der Scheller-Fried seinen Platz. Helga und Heinz Kaden widmen in ihrem Buch „Schelme, Träumer, Lebenskünstler“ Altis Verlag 2007 dem Scheller-Fried immerhin 4 Seiten. Unabhängig davon gibt es vom Scheller-Fried unendlich viele Anekdoten, wobei die Grenzen zwischen Wahrheit und Legende kaum noch zu ziehen sind, was sich auch auf seinen Status bezieht. War er der vom harten Schicksal gebeutelte bedauernswerte Mensch oder der skurrile Lebenskünstler Fried Scheller? Die Wahrheit wird wohl in der Mitte liegen. Wir haben uns bei unseren Recherchen auf Archivmaterial der Kirche und Stadtverwaltung sowie die Aussagen eines Lößnitzer Bürgers, der in unmittelbarer Nachbarschaft des Scheller-Fried lebte und diesen als Kind noch kennen lernte, bezogen. Zusätzlich wurden „alte“ Lößnitzer, die den Scheller-Fried ebenfalls noch kannten, befragt. Wer oder was war der Scheller-Fried nun tatsächlich?
Carl Friedrich Scheller, so sein vollständiger Name, wurde am 11.09. 1872 im Lößnitzer Ortsteil Hasenschwanz geboren. Sein Vater, ebenfalls ein Carl Friedrich, stammte aus Grünstädtel und wurde dort am 16.03 1845 geboren. In den 1860-er Jahren fand er Arbeit als Schieferknappe in der Königlich Sächsischen Schieferbruchkompanie in Lößnitz. Am 10.05.1868 heiratete er die hiesige Christiane Ernestina Schöniger und bewohnte mit ihr eine bescheidene Hütte im Ortsteil Hasenschwanz mit der Anschrift Chemnitzer Str., Brandkataster.Nr. 469, später Chemnitzer Str. 21.
Der Scheller-Fried hatte noch einen 2 Jahre älteren Bruder, Friedrich Anton, geb. am 11.12. 1870. Es sollten noch 3 Geschwister folgen, über deren Schicksal aber nichts bekannt ist. Es ist anzunehmen, daß der Scheller-Fried eine ganz normale Kindheit verlebte, bis ein schwerer Schicksalsschlag sein und das Leben der ganzen Familie schlagartig veränderte. Es war der Unfalltod seines Vaters. In den hiesigen Kirchenbüchern wird dazu vermerkt:
 
„Carl Friedrich Scheller verunglückte am 1. September 1877 vormittags um 9 Uhr am hiesigen Hasenschwanzbruch beim Laden eines Schusses. Er verbrannte durch Pulver und hinterlässt eine schwangere Witwe, 3 Söhne und eine Tochter“.
 
Es bedarf keiner großen Vorstellungskraft um zu ermessen, welche Not über die Familie hereingebrochen war. Der alleinige Ernährer der Familie tödlich verunglückt, die schwangere Witwe allein mit vier Kindern. Mit Sicherheit wird sich dieses schreckliche Ereignis nachhaltig auf die weitere Entwicklung des Scheller-Fried ausgewirkt haben. Er hatte kaum eine ordentliche Schulbildung geschweige dem eine Berufsausbildung und verdiente seinen Lebensunterhalt als Tagelöhner und Gelegenheitsarbeiter. Er hauste nach wie vor in einer Dachkammer seines Geburtshauses, gemeinsam mit seiner Mutter und deren Lebensgefährten.
Als seine Mutter im Jahre 1934 hoch betagt starb, stand der Scheller-Fried ganz allein da.
Obwohl immer knapp bei Kasse, stand der Scheller-Fried den angenehmen Dingen des Lebens, nämlich gut essen und trinken, durchaus positiv gegenüber. Daher war er häufig, falls das nötige Kleingeld da war oder er den Wirt zum „Anschreiben“ bewegen konnte, Gast im nahe gelegenen Gasthaus Grüner Baum.
Der Grüne Baum war für seine gute Küche bekannt, was aber der Scheller-Fried in Ermangelung des nötigen Kleingeldes nur sehr selten in Anspruch nehmen konnte. Wenn aber der Appetit auf ein Stück Fleisch zu heftig wurde, hielt er sich an „Dachhasen“ schadlos. Dann liefen die in Lößnitz frei herumlaufenden Samtpfoten Gefahr, in der Pfanne des Scheller-Fried zu landen. Er hatte dazu den kleinen Anbau am Haus in ein Schlachthaus umfunktioniert und soll sogar „auf Vorrat“ geschlachtet haben. Daher auch die Bezeichnung „der Katzenschreck“. Es ist aber erwiesen, und unser Zeitzeuge hat nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen, daß der Scheller-Fried niemals eine Katze der Nachbarschaft gefangen hat. Er war klug genug, sich nicht den Unmut der Nachbarn zuzuziehen, die ihn dann und wann mit einer warmen Mahlzeit, einem abgetragenen Anzug oder einem Glas Freibier im Grünen Baum bedachten. Der Durst des Scheller-Fried war permanent, seine Einnahmequellen aber eher sporadisch. So war es für den Scheller-Fried aber auch dem Suhr, Max, den Wirt des Grünen Baums, ein Segen, wenn der Scheller-Fried in der benachbarten Fabrik C.G.Wagner Kessel reinigen durfte. Das war zwar ein äußerst schmutzige und schwere, aber gut bezahlte Arbeit. Sie versetzte ihn in die Lage, beim Suhr Max seine Schulden zu bezahlen und den Bierkonsum für eine gewisse Zeit zu sichern.
Wurde dann das Geld wieder knapp, versuchte er durch abenteuerliche Wetten seinen Bierkonsum zu sichern. Es gibt darüber zahlreiche Anekdoten, die aber größtenteils übertrieben sind wie im o.g. Buch bzw. nicht der Wahrheit entsprechen. Über eine tatsächliche, von unserem Zeitzeugen bestätigte Wette wollen wir nachfolgend berichten
 
„Es war an einem Sommertag in den 1930-er Jahren, als der Scheller-Fried mit wenig Geld am Stammtisch des Grünen Baums saß und überlegte, wir er in der nächsten Zeit über die Runden kommt. Ebenfalls am Tisch saßen der Suhr-Alb, Sohn des Gastwirtes und Taxiunternehmer sowie einige andere Stammgäste. Als das Gespräch auf Transporte, Transportwege und -zeiten kam, wurde am Stammtisch eine abenteuerliche Wette geboren. Der Scheller-Fried wettete nämlich, mit einem Schubkarren in 4 Stunden vom Grünen Baum bis zum Chemnitzer Hauptbahnhof zu gelangen. Normalerweise ein Unding, wenn man sich unabhängig von der Distanz die damaligen Schubkarren vorstellt. Im Gegensatz zur heutigen Leichtmetallausführung mit Luftbereifung waren es schwere Karren mit Eisenrad. Beim Gewinn der Wette, was seine Wettpartner mit Sicherheit ausschlossen, durfte er an diesem Tag beim Suhr Max bis zum Abwinken kostenlos essen und trinken. Über seine Leistung beim Verlust der Wette ist leider nichts bekannt. An einem Samstagmorgen im Sommer startete das Unternehmen. Der Scheller-Fried trug kurze Hosen, um so die sommerlichen Temperaturen besser ertragen zu können. Man hatte ihm außerdem dringend empfohlen, zur Verbesserung der Durchblutung die Beine mit schwarzer Schuhcreme einzuschmieren, was der Scheller-Fried gewissenhaft befolgte. Unter dem Beifall der Stammtischrunde und den neugierigen Blicken einiger Nachbarn startete der Fried in aller Herrgottsfrühe Richtung Chemnitz. Der Suhr-Alb hatte an diesem Tag ohnehin eine Fahrt nach Chemnitz zu erledigen und startete im Laufe des Vormittags Richtung Chemnitz. Er war sich auf Grund seiner Erfahrungen ziemlich sicher, den Fried spätestens am Neukirchener Berg zu stellen. Aber er sollte seine Rechnung ohne den Katzenschreck gemacht haben. Pfaffenheiner Länge – nichts zu sehen. Neukirchener Berg – kein Scheller-Fried, Stadteingang Chemnitz – Fehlanzeige. Der Suhr-Alb und sein Begleiter vom Stammtisch trauten ihren Augen kaum, als der Fried mit Schubkarren im gestreckten Galopp wenige Minuten vor Ablauf der Wette den Falkeplatz unweit des Bahnhofes überquerte. Es muß ein einmaliger Anblick gewesen sein, den Scheller-Fried mit kurzen Hosen und schwarzen Beinen mit Schubkarren durch Chemnitz hetzen zu sehen. Der Scheller-Fried hatte jedenfalls seine Wette gewonnen, wenn auch nur sehr knapp und trat triumphierend die Rückfahrt per Taxi nach Lößnitz an. Was dann im Grünen Baum abging, kann man nur vermuten.“
 
Soweit eine tatsächliche Begebenheit mit dem Scheller-Fried. Es gibt noch jede Menge anderer Anekdoten, auf die wir aber verzichten wollen. Mit fortschreitendem Alter wurde der Scheller-Fried mehr und mehr gebrechlich. Die schweren Kriegsjahre trafen ihn besonders hart und er war auf die Barmherzigkeit seiner Nachbarn angewiesen, die in christlicher Nächstenliebe den Scheller-Fried versorgten. Unser Zeitzeuge sieht ihn noch heute vor sich, wenn er im abgewetzten Anzug und einer Schüssel in der Hand vor der elterlichen Wohnung stand, um sich etwas Essen abzuholen. Als sich sein Zustand immer mehr verschlechterte, wurde er in das Lößnitzer Hospital auf der Feldstraße eingewiesen. Hier schloss das Lößnitzer Original Carl Friedrich Scheller, genannt Scheller-Fried, der Katzenschreck, im Sommer 1947 seine Augen für immer.
In der nachfolgenden Bildergalerie sind das Geburtshaus des Scheller- Fried im damaligen sowie heutigen Zustand, der Gasthof Grüner Baum, die Kesselreinigerbrigade C.G. Wagner mit Scheller-Fried sowie Auszüge aus dem Sterberegister zu sehen.

Bildergalerie


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