
Oberhalb der Lindenallee nordwestlich der Stadt Lößnitz befindet sich auf einer Höhe von 510 m das Schützenhaus. Von hier hat man einen phantastischen Ausblick in das Westerzgebirge und Vogtland. Deshalb befand sich auch in unmittelbarer Nähe des Schützenhauses früher ein hölzerner Aussichtsturm, der 1893 dem Sturm zum Opfer fiel. Das Schützenhaus, auch Schießhaus genannt, ist ein sehr alter Gasthof, der in seiner jetzigen Form als Gasthof mit Saal und Biergarten aus der Mitte des 19. Jh. stammt. Aber bereits um 1810 wird ein Johann Friedrich Engelmann als Schießhausbesitzer erwähnt. Aus dem gleichen Jahr stammt das Nießbrauchrecht der Lößnitzer Schützengesellschaft. 1839 wird ein Karl Wilhelm Wind als Betreiber des Schützenhauses genannt. Johann Gottlieb Roth erwirbt 1856 das Schützenhaus. Er scheint aber mit dem Gasthof wenig Glück zu haben, denn der verschuldete Gasthof geht 1858 an Natalie Wilhelmine Thekla geb. Kupfer verehel. Roth, die den inzwischen stark verschuldeten Gasthof bis 1864 betreibt. Der beliebte ehemalige Wirt Johann Gottlieb Roth setzte im Jahre 1865 im Wald nahe der Grünaer Lücke wahrscheinlich infolge der angespannten wirtschaftlichen Situation seinem Leben ein Ende. Eine an dieser Stelle angebrachte Gedenktafel trägt folgenden Inhalt:
"Der Lößnitzer Bürger und Schießhausbesitzer Johann Gottlieb Roth setzte am 28. November an dieser Stelle seinem Leben ein Ende. Er wurde am 20. März 1808 als zweiter Sohn des Christoph Friedrich Roth in Niederlößnitz geboren. In Anlehnung an den Namen seines Vaters erhielt er den Spitznamen Roth-Fried"
1864 gelangte der Gasthof in den Besitz von Heinrich Georgie, der ihn bis 1880 betrieb, um dann im Jahre !880 die folgende Verkaufsannonce im "Erzgebirgischen Volksfreund" zu schalten
Gasthofsverkauf
Das reizend gelegene und viel besuchte Schiesshaus in Lößnitz mit Realrecht beabsichtige ich nach langjährigem Besitz zu verkaufen. Es besteht aus 2 großen massiven Gebäuden mit zwei Sälen und großen Gastzimmern, 2 Schießständen für 2 Gesellschaften, Kegelbahn, Scheune, Stallung, Röhrwasser, schattigen Konzertplatz.Außerdem Garten, Feld und Steinbruch. Für junge intelligente Leute vorzüglich günstige Gelegenheit zur Gründung einer sicheren Existenz.
Heinrich Georgi, Schießhausbesitzer
Erwähnenswert ist weiterhin, dass am 11. Juli 1875 im Schützenhaus das Zentralarbeiterfest der Sozialdemokratischen Partei stattfand, zuvor hatte schon 1874 Wilhelm Liebknecht der Lößnitzer Arbeiterschaft über die Ergebnisse des Coburger Parteikongresses berichtet. 1884 ging der Gasthof an August Moritz Häußler, der ihn im Jahre 1903 an Ernst Ludwig Klemm verkaufte. Ernst Ludwig KLlemm folgte im Jahre 1916 Johanne Elisabeth Fankhänel als Schießhauswirtin bis zum Jahre 1919, dann übernahm der Koch Karl Johannes Schubert das Geschäft. Der Gasthof blieb nun über Jahrzehnte in Schubert'schen Familienbesitz. Im Jahre 1933 konnte ein Insolvenzverfahren abgewendet werden. 1948 wird Johannes Schubert als Besitzer genannt. Über viele Jahrzehnte war das Schützenhaus ein weit über die Grenzen von Lößnitz hinaus bekanntes und beliebtes Tanz- und Ausflugslokal. Hier spielten in den 1920-er und 1930-er Jahren, aber auch für kurze Zeit nach dem 2. Weltkrieg die besten Kapellen des Landes und zu den Tanzabenden bewegten sich wahre Menschenmassen die Lindenallee hinauf zum "Schießhaus". Aber auch zahlreiche Theatervorstellungen und Konzerte fanden im Schützenhaus statt. Nach dem 2. Weltkrieg lebte das Schützenhaus nochmals kurz auf. Alte Lößnitzer berichten von illegalen Schnapsbrennereien während der schweren Nachkriegsjahre. Dann soll die Esse des Schießhauses in den Nachtstunden verdächtig lange und stark geraucht haben. Ende der 1950-er Jahre wurde der Saal und Anfang der 1960-er Jahre die Gaststätte geschlossen. Die Räumlichkeiten wurden danach durch Lößnitzer Betriebe sowie das polytechnische Zentrum der Schule genutzt. Eine angedachte gastronomische Nachnutzung kam nicht zustande. Heute ist das Schützenhaus dem Verfall preisgegeben.
In der nachfolgenden Bildergalerie sind der ehemalige Glanz sowie der jetzige Verfall dokumentiert.
Bildergalerie